Cyb3rpunk | Reed (1)

unknow_-_city.jpgNew State City, 2035.

Reed machte nicht den Eindruck, als sei er sonderlich gut drauf. Grundsätzlich nicht. Und heute erst recht nicht. Er hatte auch keinen Grund dazu. Gut drauf war man in Lincoln, nicht in Ironbound. Gut drauf war man als Neo, nicht als Norm.

Als die Türen des Labor Center Zubringers vor ihm aufsurrten, sprang Reed hinaus und setzte sich in schnurgerader Linie in Richtung seiner Stammkneipe in Bewegung. Wie die meisten Leute, die im Center einer mehr oder weniger anspruchslosen Tätigkeit irgendwo zwischen Beschäftigungstherapie und Übernahmechance nachgingen.

Seine heutige Tätigkeit hatte wie auch schon in den letzten Tagen darin bestanden, neue Wireless-Adressen aus Blogs und Chats herauszufischen und diese in die Adressdatenbank eines Spamzines einzugeben. Letzte Woche hatte er mit einem Trupp ungelernter Helfer mitgewirkt, ein Abrisshaus zu entkernen. Was er die Woche davor getan hatte, war ihm entfallen. Gottlob.

Sein Weg führte ihn an einem Billboard entlang, von dessen 2×4 Meter Fläche ihm eine sexy Servoide mit Katzenaugen und sanft befellten Tierohren anzwinkerte. Mit der Geschaffenen von der Plakatwand verband ihn eine Art Hassliebe, denn einerseits war sie wirklich süß, andererseits war ihr Zwinkern das unmissverständliche Signal dafür, dass sein Keé gerade wieder mit Ruf-Mich-An-Oder-Komm-Vorbei-Wann-Immer-Es-Dir-Gefällt-Mein-Süßer Spam vollgeballert wurde.

Ein paar Mal hatte er versucht, „sie“ dazu zu bewegen, seinen Wunsch nach Privatsphäre zu respektieren und ihn aus dem Sendeprofil zu nehmen – aber nicht nur waren Plakatwände aufgrund ihrer geringen Knotenzuteilung eher mäßig intelligent, sie waren was den Respekt der Privatsphäre angeht auch nur mäßig kooperativ.

Also murmelte er nur „Zisch ab“, nahm flüchtig den verletzten Blick der Plakatschönheit wahr und schlurfte eilig weiter. Mit etwas Glück würde er heute noch echte Pussy bekommen, da brauchte er echt keine blöde Bio-Bitch, die ihn noch dazu VIRTUELL von der Seite anquatschte.

Ein Zirpen im Keé ließ ihn schon entnervt den Löschbutton auf seinem Linsplay anpeilen, ehe er merkte, dass der Anruf von einer ihm bekannten Adresse kam. Mit kurzem Nicken nahm er den Anruf entgegen.

„Ni hao, Reed!“ sagte Boswash, nachdem sich das virtuelle Fenster in Reeds Gesichtsfeld begleitet von der Titelmelodie des Drittmanns zur Gänze geöffnet hatte. Boswash war keine sonderlich große Nummer und bestenfalls im B-Sec bekannt. Reed hatte ihn auf einer Party kennen gelernt und ein paar Simplays von ihm gekauft – illegaler Kram, unzensiert, aus Burneo Eden, dem aktuellen Megahub für independent Warez.

Reed nickte, während er weiterging und per Eyeclick das Fenster auf eine mit Laufbewegung vereinbare Größe schrumpfte.

„Hao ma. Was gibt’s?“
„Gut, danke. Ich hab da ne Sache, die für dich interessant sein kann.“
„Danke, aber ich bin etwas klamm. Warez sind grad nicht drin. Aber dank…“
„Hey, mei guanxi – ich will dir gar nichts andrehen. Ich brauche dich. Für ne Erledigung, für die ich nicht erst runterkommen will. Ist einfach zu weit weg, und an sich auch nix Aufregendes.“
„Hm. Zhidao. Ich komm grad von ner 14-Stunden-Schicht auf Gemeinschaftspunkte. Ich bin fertig, Mann. Ich will jetzt nur nen Burger, nen Caramello und vielleicht ne Zigo, falls mein Konto das hergibt.“
„Es springt auch was raus. Ich kann dir vierzehn V geben.“

Reed hielt inne. Vs waren neben Credits und Commits die dritte wichtige Währung in New State City: Credits zum Kaufen, Commits (Gemeinschaftspunkte) für öffentliche Services, Votes für die generelle „Unbedenklichkeit“ der Person. Und damit die entscheidende Währung, um unter dem Radar zu bleiben.

„Zwanzig V“ konterte Reed nach kurzem Nachdenken.
„Hen hao“ kam die erfreute Antwort.

Man verabredete ein Telefonat über indeNET, einen mickrigen Call-by-Call Provider im Zairaban, der im Ruf stand in hübscher Regelmäßigkeit Gesprächsdaten zu verlieren, ehe diese von Robotroutinen an die Zentralregistratur überspielt würden. Natürlich würde indeNET irgendwann vom Netz genommen werden – aber dann würde eben einen neuen Anbieter in irgendeinem „Schurkenstaat“ außerhalb der NWO-Blöcke dessen Platz einnehmen.

Soweit Boswash durch die Blume hatte andeuten können, würde es nur darum gehen, eine Freundin des Drittmannes zu treffen, um von dieser eine Sporttasche entgegen zu nehmen. Dass diese illegale Waren enthalten würde, damit war zu rechnen.

Aber Reed hätte niemals geahnt, welches Ausmaß der Ärger annehmen würde, den er sich mit dieser Gefälligkeit einhandeln würde.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s