Cyb3rpunk | Ein Abend in den Projax

Newark Sektor | New State City | Newstate | I.S.A.
2035-03-09 19:30:00

Newark. Die Luft im Chica Chili Grill duftet süßlich. Überwürzte Tacos. Gesundheitszigaretten. Luftumwälzer. Eine Anlage hinter der Theke trällert Mainstream. Konzernpop. Mexican. Wie das Bier, das hier vor den Regulars schal wird.

So früh ist hier eh nichts los. Man verpasst nichts. Erwartet noch weniger als das. Nur ein Bier. Auf dem Weg vom mies bezahlten Drecksjob nach Hause. Falls man nen Job hat. Und den haben hier wenige.

Newark Gardens hieß die Nachbarschaft früher. Nach einer geplanten Gartenanlage, die auf den Screens toll aussah – und die nie angelegt wurde. Heute summen wieder Autos über die frische Asphaltdecke des NY Motorways. Flitzen vom gleißend lichternen CorpZone Center zu den Satelliten, den vereinzelten, über die ganze Weststadt verteilten, reurbanisierten Konzernvierteln. Brausen hinweg über die Newark Outside. Die Viertel, die es noch nicht geschafft haben, Teil des schönen, neuen Amerika zu werden.

Richtige Kampfzonen – Combat Zones – sind selten geworden. Der größte Teil von N.S. City befindet sich in between. Wie ein Kunde zwischen den Beinen einer Drei-Ebbie-Nutte. Northern Downtown ist keine Ausnahme: die meisten Blocks hier sind schon Konzernbesitz. easyCon, meist. Das heißt: Budget Living. Ein Unternehmen der New State City Housing Group. Eine Tochter der MegaCon Construction Group. Ein Unternehmen der American Real Estate Interest Group. Firmen-Netzwerke. Das Zauberwort der neuen Weltordnung.

Überall da draußen, jenseits der getönten, verschmierten Fenster des Grills, stehen Baukräne. Ganze Viertel wurden abgerissen. Das meiste von diesem hier auch. Überall wurden neue Wohnblocks hochgezogen. Hier auch.

Die Newark Downtown Projects heißt das Viertel – die Urbane Zone – jetzt. Die Projax. Massenhousing für New State City’s aus allen Nähten platzende Bevölkerung. Asiaten, die meisten. Geflohen aus dem Pazifikraum. Aus zerstörten Küstenstädten. Tsunami-Opfer. Steinbrocken-Opfer. Kriegs-Opfer. Gestrandete.

Die meisten hier sind aus der Nachbarschaft. Projax People. Ein Squat in den Projects, das bedeutet Strom und Wasser. UniCable. Und verhältnismäßig viel Sicherheit. Die Kehrseite ist: Sicherheit. Denn wer eine verborgene Waffe trägt, ist potenzielles Risiko. Und bleibt irgendwann in den Maschen des Sicherheitsnetzes hängen.

Ein Jahr vielleicht noch, dann ist das hier CorpZone. Das Revier des Departments ist kaum wiederhergestellt, da beginnen die Cops in den Zonen nordwärts schon wieder die Zelte zu packen. Moven weiter nach Süden. Und von Norden übernimmt die CorpSec. Habt ihr gehört. Überall der gleiche Talk.

Bis dahin habt ihr Zeit. Entweder eine Nische im System finden. Einen Sponsor. Eine Corp. Eine ID. Oder abtauchen. Mit der NSPD nach Süden gehen. Oder weiter, in eins der verbliebenen Höllenlöcher. Combat Zone. Klingt wie ein Begriff aus großer Ferne. Mittelalter-Mäßig.

Von den Kons lernen heißt siegen lernen. Haben auch die Gangs gerafft. Bilden jetzt Tribes. Aliierte Gangs. Teilen den Turf. Gemeinsames Wirtschaften, mehr Muskeln. Mehr Profit für alle. Oder zumindest deren Bosse.

Früher haben die Robber Hoodies hier sowas wie Sicherheit gemacht. Die guten Gangs packen es nie. Sind weg. Als BuReLoc den Block an der 14. geräumt hat. Geblieben sind die Projax. Blackbloods. Der stärkste Tribe hier.

Der da drüben ist einer von ihnen. Gegerbte Haut. Glattrasierter Schädel. Schwarzes Hoodie. Baggies. Bestimmt Pockennarbig. Heißt Drive-by. Oder so. Keine Ahnung. Ihr senkt den Blick. Nur niemanden reizen.

In ner Stunde macht das OG auf. Erster Stock. Drei Räume. Slot Machines. Kartenspiele. Würfeln. Ein paar Hooker gibt’s auch. Und deren versiffte Bumswiesen im 2. OG. Wenigstens sind die Asseln und Zecken real. Virtuell ficken kann jeder. Online Hirnfick gibt’s billig wie nie. Hält die Massen ruhig. Sagen die Verschwörungstheoretiker.

Aber ihr seid nicht wegen den Games hier. Und nicht wegen den ausgeleierten Punzen der Girlies. Sondern wegen dem Jazz. Dem Fixer dieses Joints.

Wenn es irgendwo in den Projects Jobs für Halblegale gibt wie euch – Ex Punks, Untergetauchte, Fringer, Bones, wie immer man euch nennt – dann bei ihm. Jazz ist straight. Keine große Nummer, aber straight. Wie Schlips an der Westküste. Oder Sandman. Oder McKenzie. Oder Headlock. Wie sie alle hießen, die Midlevel Fixer. Zu groß für den Bodensatz, zu klein für die Oberliga. Ein taffes Pflaster. Tödlich. Tot.

Ihr scannt den Raum. An der Bar sitzt ein Snoop. Ein Girlie. Kurzes Haar. Dunkelhäutig. Vielleicht ein Ho. Obwohl. Nicht mit diesen Boots. Ihr Kée sieht neu aus. Stylish. Ein kleiner Chrom-Zylinder am Ohr, ein Kabel zu ner Schläfen-Trode, ein filigranes Stück Draht, an dessen Spitze ein kleiner Beamer sitzt, der ihr Bilder direkt in die Iris wirft. Sieht von innen aus wie das frühere TimeSquare. Nur dass man sich halt nicht mehr die Augen dafür rausrupfen lassen muss. Minimalinvasiv. Auch so ein Zauberwort.

Natürlich ist in Wahrheit nichts minimalinvasiv in 2035. Schon gar nicht das, was dank verdecktem Sponsoring der Konzerne auch für LowLife billig zu kaufen ist. Das Kée ist ein Handy-Camera-Musik-Videoplayer-Datenbank-Organizer-Mini-Pad-Multifunktionsdingsbums. Mit mehr als genug Platz für Spyware der Konzerne.

StalkMob. Finster. Ihr ward noch nie in einem drin, habt aber davon gehört. Wer ein Kée hat, kann Credits sammeln, indem er auf eingeblendete Anzeigen in seinem Sichtfeld reagiert. Bitte schaun sie nach rechts. Gehen sie dochmal dem da hinterher. Oder gleich: Senden Sie uns ne MMS mit Vid, wenn Sie was Verdächtiges sehen. Sind die Infos solide, steigt Ihr Snoop Status. Wie früher bei ebay. Credibility ist harte Währung. Für mehr Games, mehr Guthaben, mehr virtuelle Gimmicks ohne reellen Wert. Verraten Sie Ihre Nachbarn, und erwerben Sie Ihre Traumvilla. Bei Second Hirnfick. Ihrer Eintrittskarte in eine Welt, die Sie mit ihrem Pleite-Arsch in Reallife niemals zu Gesicht bekommen werden.

Geht ein solider Alarm ein, geht ein Trace raus. Alle Snoops im Umfeld kriegen Downloads. Sehen Sie den da irgendwo? Und es gibt Scheiße nochmal weniges, was mehr spooky wäre als eine Gruppe Passanten, die sich auf ein unsichtbares Signal hin alle gleichzeitig zu dir umdrehen.

StalkMob. Finster. Ich sagte es ja.

Bisher hat sowas Seltenheitswert. Ungefähr so wahrscheinlich, wie auf nen LEDiv Agenten in der Subway zu treffen. Aber die Wahrscheinlichkeit steigt. Für beides. Tick. Tack. Kein zurück. Time Zero war erst gestern. Und ist trotzdem hundert Jahre her.

Das Girlie sitzt an der Theke und spielt mit ihrem Kée. Chattet vielleicht mit wem. Oder sieht fern. Oder vielleicht hat sie auch nen NeuroSim Zugang an der Wirbelsäule und lässt sich grade durchbumsen. Wer weiß. In jedem Fall schaut sie nicht zu euch. Und ES – ihr Kée – auch nicht.

Paranoia. Auch so ein Zauberwort.

Von oben ist schon gedämpft Musik zu hören. Wird bald losgehen. Der Rest der Anwesenden ist kaum weiter interessant. Außer der Charakter von dem anderen Spieler natürlich, der mit dir grade Cyberpunk bei Andi zockt. Nenn es Straßeninstinkt. Aber mit dem stimmt was nicht. Wie mit dir. Der, und ein Typ in nem Parker fällt dir auf. Weil die Schultern und Ellbogen des Parkers exakt so aussehen, als wäre das ne Gibson Jacke. Und die sind selten geworden nach Einführung der neuen Waffen- und Rüstungsgesetze.

Keine Hard Armor mehr für LowLife. Vollautomatik? Illegal. Pistolen? Nur mit GunCam und 911-Chip, my friend. Grad mal Gewehre – halbautomatische – sind noch legal. Mit ID, klar. Und mit Erlaubnis des Sponsors.

Der Typ sitzt im Halbdunkel weiter hinten. Sieht euch nicht. Ihr aber ihn. Tippt mit dem Finger erratisch auf dem Tisch herum. Also hat er vermutlich nen PDA geslottet. Und ackert auf ner Tastatur, die nur in seinen Gedanken existiert. Jetzt seht ihr’s auch: Feines Kabel, Glasfaser, vier Stück, aus dem Nacken. Dezenter Hautjob.

Er bestellt nochn Bier. Ihr schließt ihm euch an. Eins noch, ehe die Tür oben aufgeht.

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