Blog | Nachtwanderung

Das war eine interessante Nacht gestern. Und natürlich lief sie ganz anders als geplant. Wie das so ist, wenn man was plant. Weswegen es ohnehin nicht übermäßig sinnvoll ist, zu planen. Wie ich eigentlich schon seit meinem „ersten Mal“ hätte wissen müssen, das auch ganz anders ablief als geplant. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Normalerweise tipper ich hier über mein Hobby, das meine Familie übrigens fachkenntnisreich gerne als „Rollenspielscheiß“ oder gleich als „Fratzen“ bezeichnet (Letzteres ein Catch-all-Begriff meiner Mutter für so ziemlich alles im TV und Kino, wofür sich ein Schauspieler schminken muss, also Fantasy, Horror und SF). Heute mal ganz aus der Reihe eine Scheibe meines Lebens (Slice of Life, wie die Werber sagen).

Die unverhoffte und ungeplante Nachtwanderung beginnt im (1) Le Piaf, einem wirklich hervorragenden französischen Restaurant/Bistro mit kleinem Sommergarten unweit des Charlottenburger Schlosses. „Nur mal eben noch die Beine vertreten“ war die Idee, und: „Mal sehen ob der Schlossgarten noch offen ist“. Fatale letzte Worte.

Der Schlossgarten war zwar noch offen, als Schließzeit prangte allerdings ein „22:00 Uhr“ am Tor – und da es 22:07 Uhr war und wir keinerlei Interesse verspürten, alleine durch die Finsternis zu irren und keinen Weg zurück mehr zu finden, entschlossen wir (das sind übrigens meine Zujenemzeitpunkt“nur“freundin und ich) uns dazu, halt „einfach um den Park herum zu spazieren“. Der sei zwar groß, aber SO groß nun auch wieder nicht. Ahem.

Auf Höhe der Brücke neben dem Park (2) sahen wir in selbigem noch einige Leute herumspazieren. Hier wäre ein vortrefflicher Punkt gewesen, umzukehren, zudem wir gerade an einem kleinen Tor vorbeigekommen waren, das man notfalls auch überhopsen hätte können. Sie schlug es vor, ich schlug es aus, und fragt mich bitte nicht, warum.

Eingebogen in die Straße auf der anderen Kanalseite (3) genossen wir eine schöne Aussicht auf den Park von Schloss Charlottenburg (nebst Joggern und Radfahrern, die sich in ihm tummelten), um wenig später das (4) Piratenrestaurant (auch sowas gibt es) nebst wunderschön angelegtem Kinderspielplatz zu entdecken. Das Piratenrestaurant hatte ich sogar schonmal auf dem Radar als Vampire LARP Location – es gibt ein Sargzimmer dort, in dem Särge als Tische dienen – aber irgendwie ergab es sich nie, die Location mal auszuprobieren. Der Spielplatz war eigentlich ein hübscher, stiller Ort, romantisch geradezu, aber irgendwie folgten wir immer noch der Vorstellung, via eine Brücke den Park von hinten betreten und in diesem noch Arm in Arm flanieren zu können. Man hatte ja Pläne, gell?

Der Weg zur Brücke, von der ich immer weniger fest wusste, dass es sie gibt, zog sich in die Länge. Immerhin aber wartete die Umgebung mit einem wunderschönen historischen Bau auf, der sich als Gebäude des Landgerichts Berlin im Tegeler Weg (5) entpuppte.

Endlich kamen wir zu einer Brücke, die eine ganze Weile nach einer reinen Bahnbrücke aussah, bis wir einen schmalen angrenzenden Fußgänger- und Radweg ausmachen konnten (6). Auf der anderen Seite fanden wir prompt den erhofften Eingang zum Park, dieser aber war nun wirklich abgeschlossen, so dass wir uns kühner Weise dazu entschlossen einem ominösen Hinweisschild unter der Brücke hindurch Richtung „Tunneleck“ zu bewegen.

Wohlgemerkt: Wir dachten, da käme in ein paar hundert Metern eine kleine Kneipe oder so, von wo aus es sofort zur Straße ging. Weit gefehlt. Wir folgten einem gänzlich verlassenen schmalen Weg durch eine Kleingartenkolonie (7), vorbei an einer Schleuse, mit Blick auf Gebäude von Siemens am anderen Ufer, was uns erstmals auf den Gedanken brachte dass wir doch schon ziemlich weit ab vom Schuss sein könnten.

Aber zurück gehen? Wir? Niemals!

„Immer voran“ folgten wir dem Weg, auch als er die Kolonie verließ und sich der Spree entlang zog. Und zog. Und ZOG!

Nach gefühlten Ewigkeiten (habe ich erwähnt dass wir in Abendgarderobe waren und meine Freundin definitiv KEINE Laufschuhe trug?) erreichten wir ein Hinweisschild Richtung Tunneleck (8). Nun muss man wissen, dass es da schon schwer auf 23:00 Uhr zuging, wir himmelweit von jedem Anzeichen von Zivilisation waren und über uns die Autobahn dahindonnerte. Wir standen zwischen Gewässer (Spree) mit Ausblick auf Industrieanlagen, Unkraut, verlassen wirkenden Hütten und Gestrüpp – genau die Sorte Ort also, wo die Polizei sonst ausgeweidete Leichen findet.

Hinter einem dunkle Schatten werfenden Schuppen vorbei und durch Urinwolken hindurch erreichten wir einen kleinen, engen, stockfinsteren Tunnel, der mehr wie ein Abwasser-Rohr wirkte. ABER in den das Hinweisschild „Tunneleck“ zeigte. Ich weiß noch, wie ich sagte, dass das die wohl dümmste Futterfalle von Vampiren sein muss die ich je gesehen habe – aber da ich wusste, dass der Weg am Tunnel vorbei definitiv NICHT in die Richtung führte, die wir wollten, und ich – zugegeben – nun ECHT neugierig war, klappte ich das Handy auf, um so wenigstens ETWAS Licht zu haben, und führte meine mir offenbar blind vertrauende Begleitung in die Finsternis dessen, was in der Tat einmal ein Kanal war (wie ich inzwischen recherchierte).

Am Ende des Tunnels erwartete uns das versprochene Tunneleck – eine Art Erlebnisgastronomie/Laubenpieperkneipe, die leider geschlossen war, aber sehr urig und gemütlich aussah. Leider sah die Gegend aber noch immer reichlich verlassen aus, so dass wir durch die Reihen der Bänke und Barhocker und Tresen gingen – einfach weiter, nun erst recht nicht mehr an den erschreckend weiten Rückweg denkend.

Wir passierten einige Autos, und meine Begleitung machte einige Kommentare über die Autowracks vor dem „Titty Twister“ im Film „From Dusk Till Dawn“. Und in der Tat wunderten wir uns SEHR, was die ganzen hier abgeparkten Autos wohl sollten, denn wir sahen sonst wirklich nur Gestrüpp und kein einziges Haus.

Etwa auf Höhe von (9) begegneten wir unserem ersten menschlichen Wesen, waren aber ganz froh, dass es nur mit funzelig flackernden Autolichtern an uns vorbeirollte, ohne auszusteigen und uns mit einer schartigern Axt zu erschlagen oder so (falls Sie das lesen: Danke schön!). Überflüssig zu sagen, dass wir beide längst jede Orientierung verloren hatten (Ich wähnte uns irgendwo mehr in Richtung (12) zu jenem Zeitpunkt, mir war nur unklar, wo die ganzen Straßen hin waren und in welcher Zwischenelt von Bahndamm, Kanal und Autobahn wir wohl herumirrren mochten).

Ein paar Mal donnerte wenige Meter neben uns ein Zug vorbei, ansonsten war das defekt klingende Surren eines Werbeplakates irgendwo oberhalb von uns das einzige Geräusch. ENDLICH bei (10) führte die schmale Straße, die unser Trampelpfad inzwischen geworden war, aufwärts, und wir erreichten eine (vollends leere) Straße. Ich erinnerte mich daran, dass wir Männer angeblich Eisenpartikel in der Nase haben, woran wir die Himmelsrichtung erkennen können, und bestimmte, dass wir nach links müssten, was sich am Ende sogar als richtig erweisen sollte.

Etwa auf Höhe von (11) erkannte ich die Straße von ein-zwei Versuchen vor einiger Zeit, einen Autobahnstau zu umfahren – was mich einerseits freute, andererseits mir aber auch klar machte, WIE WEIT es noch zurück zum Schloss sein würde. Natürlich wurde jedes der spärlich vorbeitröpfelnden Autos beäugt, ob es ein Taxi wäre, und ebenso natürlich war keines dabei – außer ein Besetztes. Eine Bushaltestelle bestätigte uns, dass diese Gegend so verlassen ist, dass die BVG sie nur bis 21:00 Uhr befährt. Obwohl ich mir nicht so ganz sicher bin, was jemand ÜBERHAUPT hier will, egal zu welcher Uhrzeit.

Die Situation wurde dadurch nicht unwesentlich bizarrer, dass die Zahl der am Straßenrand liegenden Geschäfte immer öfter mit Tod und Bestattung zu tun hatten – und zwar das ganze Programm von Verbrennung über Sargdiscount bis hin zu Grabmalen. Sogar ein Aldi war dabei.

An Punkt (12) erreichten wir die Zivilisation, und die Nacht hatte Erbarmen mit uns: Die im Umbau befindliche Brücke am Spandauer Damm (13) war für Fußgänger passierbar, wenngleich die Situation auch durch die überall die Straßenkluft überspannenden Rohre schwer was von Berlin 2071 hatte. Bei (14) erreichten wir die erste geöffnete Gastronomie (ein Matrix- äh Internetcafé), wo wir eine gesundfarben grüne Fanta erstanden, um endlich(!) bei (15) ins Gras vor dem Schloss zu sinken und zu verschnaufen.

Was für eine Nacht. Und was für ein schöner Ausklang derselben:

[Direktlink]

4 thoughts on “Blog | Nachtwanderung

  1. Desmond sagt:

    Klingt nach einem interessanten Spaziergang. Ist ganz lustig sowas ab und an zu lesen. Hatte deine Begleiterin sich am Ende Blasen gelaufen?

  2. rabenaas sagt:

    Das schon — aber irgendwie spielte das am Ende keine Rolle mehr. *gg* Müsstest sie herumhüpfen sehen … :)

  3. yennico sagt:

    Das Interessante an dem Text ist das, was man zwischen den Zeilen lesen kann. :)

  4. […] eigentlichen Anfang mit dem Heiratsantrag, der sich in unserem Fall erst nach einer längeren, an anderer Stelle ausführlich beschriebenen Nachtwanderung ereignete. Singend. Auf Knien. Mit dem Lied, dass die Holde sich – ganz zufällig irgendwann mal […]

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