Pflichtbuch für Cyberpunks + Shadowrunner

Vor einiger Zeit habe ich ein wirklich geniales Buch entdeckt und in einem Rutsch durchgelesen, dass ich hier (erneut) vorstellen und jedem ans Herz legen möchte. Und das umso mehr, da das Buch weitgehend unbekannt ist, obwohl es Platz 2 beim Deutschen Science-Fiction-Preis 2006 gemacht hat.

paradiess.jpg

„Das Paradies am Rande der Stadt“ von Volker Strübing ist ein dystopisch / schwarzhumorig / cyberpunkiger Zukunftsroman, der in der nahen Zukunft in Berlin spielt. Im Zentrum der zuweilen witzigen, zuweilen dramatischen, immer jedoch mit viel Wortwitz und kluger Gesellschaftskritik geschriebenen Story steht der Weltkonzern Eden, der nur ein einziges Produkt vertreibt: das vollkommene Glück. Kostenlos.

Er bietet jedem Menschen an, freiwillig in einen der Quader zu gehen, riesige Blöcke in der Nähe vieler Metropolen, in denen man sich mit einem Realitäts-Interface vernetzen lässt, das direkt an die Glückszentren des Gehirns angeschlossen wird. Das Ergebnis ist nichts Geringeres als das Leben im Ewigen Paradies, fernab der zerstörten, versifften, von Problemen, Kulten, Gier und Ich-Religionen zerfressenen Welt, in denen Klone beliebter KIno-, TV- und Sportstars als sogenannte „Zombies“ gehandelt werden.

Die Geschichte beginnt mit Eva, dem ersten und einzigen Menschen, der freiwillig das Paradies wieder verlässt, um ihren Geliebten Adam zu suchen? Klingt konstruiert? Ist es auch. Aber die Wahrheit hinter dieser Begebenheit enthüllt sich erst ganz zum Schluss. Dazwischen liegt eine Reise durch das Berlin der Zukunft, liegen Begegnungen mit Konzernpolizisten, Seelenfängern, Seelsorgern, Nazikultisten und Teenagern, die sich durch OPs künstlich Hasenscharten stylen lassen, um sich von der Masse der „schöngeborenen“ Gen-Optimierten abzuheben.

„Das Paradies am Rande der Stadt“ ist Volker Strübings erster Roman. Wobei Strübing keineswegs ein N00b auf dem Gebiet intelligent witziger Texte ist: Ein regelmäßiger Mitstreiter (und zuweilen Sieger) von Poetry Slams, hat er einen eigenen Channel auf Youtube, auf dem er gelegentlich auch animierte Filme einstellt.

Weiteres von ihm findet man auf seiner privaten Website volkerstruebing.de, mehr aber noch auf seinem Blog „Schnipselfriedhof“. Ein Interview mit Volker Strübing findet ihr auf Fantasyguide.de.

Der absolute Knaller ist aber natürlich die Website zum Buch, von der auch die folgenden Textschnipsel stammen:

„Wissen Sie, Jahrtausende lang haben die Menschen geglaubt, man müsse die gesellschaftlichen oder materiellen Bedingungen verbessern, wenn man die Menschheit glücklich machen will. Doch sehen Sie sich an, was dabei herausgekommen ist: Entweder wurde zum Wohle der Gemeinschaft das Individuum unterdrückt, die Gesellschaft in ein Gefängnis verwandelt oder das Individuum wurde über alles gestellt, die Menschen wurden einsam und rücksichtslos. Und materieller Wohlstand, das große Versprechen, der große Traum des zwanzigsten Jahrhunderts, schuf statt Glück eine sinnlose Konsumspirale, die in den wirtschaftlichen, ökologischen und moralischen Abgrund führte. Mir ging es nie um Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Wohlstand, Fortschritt, Erleuchtung oder Ähnliches. Ich glaubte und glaube, das Einzige, was letztlich zählt, ist individuelles Glück. Mit Eden habe ich der Menschheit den Weg zum Glück erbaut. Ob der Einzelne diesen Weg mitgehen will, bleibt ihm überlassen. Übrigens ein Punkt, der mich positiv von anderen Menschheitsbeglückern unterscheidet.“

(E.R. Lösser am 14.8.2040)

*

Die Schlammstadt, so hieß es, öffne einem das Herz für die schönen Dinge dieser Welt – für alles andere also. Sie zog sich von den Toren der Matahari-Oase bis hinauf an die südliche Stadtgrenze Berlins; ein Sumpf aus Depression, Krankheit, Schmutz und verzweifelter Lebenslust, eine wuchernde Einöde aus Wohncontainern, Schaumpolymer-Iglus, Baracken, krummen, schlecht befestigten Straßen, billigen Zombie-Bordellen und greller Neonreklame. Ein Ort, an dem die Träume wahr wurden, aus denen man schnellstens zu erwachen hoffte.

Jeremias Klossner, dreißig Jahre alt und von einer Statur, die vermuten ließ, dass seine Freunde ihn nicht nur des Nachnamens wegen Kloß nannten, schlurfte durch die Schicht aus Müll und Modder, die den Boden einer kleinen, unbeleuchteten Gasse bildete. Das Haar klebte in nassen Strähnen an seinem Kopf, und er freute sich, dass das Wetter (wie im November eigentlich immer) so wunderbar mit seiner Laune korrespondierte.

„Scheiß Nieselregen“, beschwerte er sich dennoch. Er zog die Hände aus den Manteltaschen, schob den linken Ärmel nach oben und schaute auf den Bildschirm seines Dämons. Dreiviertel sieben. Er würde eine halbe Stunde zu früh in der Besauferia sein. Kloß bemühte sich, aus dieser Tatsache Missvergnügen zu ziehen, scheiterte jedoch: Die Aussicht, vor dem Treffen noch in Ruhe ein Bier zu trinken, war einfach zu erfreulich.

Hinter einem verrosteten Schuppen am Ende der Gasse ragten die schwarzen Kuppeln der Oase auf. Wie Blasen auf einer siedenden Teerpfütze, dachte Kloß. Über der Hauptkuppel drehte sich ein rotweißer Kreis mit dem Schriftzug PTBN – das Logo der indonesischen PT Burung Nasar, Eigentümerin und Souverän des autarken Stadtstaates. Hinter der Oase konnte Kloß den ewigen Regenbogen eines Eden-Komplexes erkennen, der von der Schlammstadt mit einem steten Strom von Verzweifelten versorgt wurde.

Ein breiter Lieferwagen fuhr mit Schrittgeschwindigkeit aus einer Seitengasse einige Dutzend Meter vor ihm und stoppte genau auf der schmalen Kreuzung.

„Na toll“, brummte Kloß. Die Seitengasse war nicht wesentlich breiter als der Transporter. Ein kurzer Blick auf seinen Bauch überzeugte Kloß von der Vergeblichkeit aller Versuche, sich an dem Wagen vorbeizuzwängen. Er drehte sich um, um zur nächsten Kreuzung zurückzugehen, doch ein zweiter Lieferwagen schob sich langsam aus der Querstraße, an der er gerade vorbeigegangen war und versperrte ihm auch diesen Weg.

Die Seitentür des Wagens glitt auf und drei schwarzgekleidete Männer sprangen heraus, in den Händen Sandmännchen-Gewehre mit ihren charakteristischen trichterförmigen Läufen.

Seelenfänger, schoss es Kloß durch den Kopf. Eindeutig der richtige Moment, um in Panik zu geraten. Er hob den linken Arm, um über seinen Dämon einen Notruf abzusetzen, doch er war nicht schnell genug. Einer der drei betätigte den Abzug seines Sandmännchens und Kloß kippte schnarchend in den Matsch.

*

Beschwörer: Als Sie sich einfrieren ließen, galten wahrscheinlich noch Flachbildschirme als schick. Mit der Einführung von Holovisionsprojektoren, für die sich bald der Name Beschwörer durchsetzte, erhielten Filme, Talkshows und Computerspiele endlich räumliche Tiefe – wenn sie auch von inhaltlicher weiterhin verschont blieben. Die dreidimensionalen, bewegten Bilder werden in den Raum projiziert und können von allen Seiten betrachtet werden. Sie verfügen jedoch über keine materielle Präsenz. Die von einem Beschwörer erzeugte räumliche Darstellung eines Menschen wird Geist genannt, ganze Szenen nennt man Spuk.

(zeitschock.de – Das Praktische Wörterbuch Für Aufgeweckte Kryonauten)

Anzeige

Haben Sie nicht lange genug bewiesen, dass sie das Leben ertragen können? Ist es nicht an der Zeit, das Leben zu genießen? Hinter dem Regenbogen erwartet sie das Paradies. Kostenlos und unverbindlich. Und tausendmal schöner, als sie es sich vorstellen können.

Eden. Umsonst ist nur das Glück.

Dämon: Von Daemon, was vielleicht soviel bedeutet wie „Der Alptraum eines Mannes ohne Nase“, möglicherweise aber auch irgendetwas mit „Digital“ und „Assistent“ und „Mobile Online Networking“. Ein Dämon ist eine Mischung aus Computer, Personalausweis, Kreditkarte, bester Freundin und Mittelpunkt des Lebens. Oft ist es schwer zu entscheiden, ob der Träger seinen Dämon besitzt oder von ihm besessen ist.

(zeitschock.de – Das Praktische Wörterbuch Für Aufgeweckte Kryonauten)


Direkt zum Artikel auf Amazon.de

7 thoughts on “Pflichtbuch für Cyberpunks + Shadowrunner

  1. cthulhude sagt:

    Nachdem Du das Buch als Pflichtlektüre anpreist hab ich mir es doch umgehend gekauft. Was tut man nicht alles für sein liebstes Hobby. ;)

  2. rabenaas sagt:

    Wirste nicht bereuen, believe me :o)

  3. Ich habs auch fein gekauft. Sogar mit deinem Link. Ich hoffe, du verdienst die Provision bei Amazon…

    Wenn’s mir nicht gefällt, stell ich dir das Buch in Rechnung… :)

  4. rabenaas sagt:

    Nee, ich bin (leider) nicht beim Amazon Provisionssystem angemeldet. Hab ich zwar schon erzlange vor zu ändern, aber weißt ja wie das ist … „morgen, morgen“.

  5. yennico sagt:

    Na ja , das Cover erinnert mich an alte Marvel Comics.:)
    In wie weit ist das Buch für nicht Berlin-Kenner lesenswert?

  6. Sperling sagt:

    An dieser Stelle moechte ich kurz ein Hoerspiel erwaehnen, das eventuell auch interessant ist: ‚Jonas – Der letzte Detektiv‘
    (http://de.wikipedia.org/wiki/Der_letzte_Detektiv)

  7. rabenaas sagt:

    Hab ich schon einiges von „gehört“ (ha, ha). Soll echt gut sein. Moment mal – ich glaub das hat mir sogar mal wer geschenkt … wo ist es nur hin??

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s