CP2025 | Defragmentierung

Das Knistern der Neonröhre geht mir auf die Nerven. Zu viel Feuchtigkeit in der Luft, selbst unter dem Vordach. Korrodierte Leitungen. Man muss froh sein, wenn man seine Good Earth Nudeln – eine widerliche Kibblepampe in Spaghettieiskonsistenz, die mit einem grellroten Schlampf überwürzter Soße irgendwie genießbar gemacht wurde – runterspachteln kann, ohne eine gewischt zu bekommen.

Ich stütze mich beim Essen auf einen Ellenbogen, um beiläufig die Straße im Blick zu haben. Vielstimmig knattert und surrt der Verkehr an mir vorbei. Dreiradrikschas, Elektroscooter, ein riesenhafter EBM Truck mit regenkorrodiertem Triebwagen. Dazwischen fällt Regen. Mischt sich mit Dampf aus Abwassersielen und fernem Plärren von Werbeblips, von Ampelansagen (Walk. Walk. Walk.) und ethnisch nicht einzuordnender Musik aus irgendeinem Wagenfenster.

Cops sind keine zu sehen. Wundert mich nicht. Die Stadt ist noch immer Kriegszone. War sie immer. Nur heute ist es ganz offiziell. Notstandsverordnung. Unbefristet. Und die Leute machen weiter wie gehabt. Was bleibt ihnen auch übrig. Die Stadt bleibt Arasaka City, auch wenn es kein Arasaka mehr gibt. Die japanischen Zentralsitze verstaatlicht, die Inhaberfamilie tot bis auf einige unbedeutende Fragmente – und jede Menge Waffen und Truppen in der Welt, die keine Peilung haben unter wessen Befehl sie stehen. Wenigstens das hat Night City voraus: Eine eilends neu geschaffene Notstandsadministration – und das hohle Presseversprechen, dass es weitergeht und Arasakas Sicherheitskräfte in der Metro Police (NCMP) zusammengefasst werden. Die übrigens streikt, weil die Haushaltslage … naja.

Auf dem halbaufgeweichten Zettel, mit dem ich das Fett von meiner Pampe dippe, steht wieder irgendeine Wirtschaftskrisenmeldung. Als könne die Weltwirtschaft noch mehr in den Arsch gehen. Ausgerechnet jetzt, wo das Gröbste eigentlich vorbei sein müsste. Erst im letzten Jahr ist der verdammte Konzernkrieg – Nummer vier, für Historiker – zu Ende gegangen. Doch ein Ende der Abwärtspirale ist nicht in Sicht.

Mein Cell piepst. Nur so klein wie eine Zigarettenschachtel, ist es eines der kompakteren und besseren Modelle. Direkt Dial-In ins Metrogrid, mit Text Access zum Net, 3-Farb-Display und Time Square Hookup – ein nettes Extra, das die schweinemäßigen Gebühren wert ist. Mei Blick huscht über die grün in meinem Sichtfeld flirrende Schrift. Ich kenne die Nummer, klappe das Cell auf und aktiviere damit zugleich die Sprechfunktion.

„Ich esse.“ – „Mir doch null. Treffen 1600, üblicher Punkt im NCU.“ – „Aff“.

Nach der letzten Erhöhung der Komtarife macht es keinen Sinn, überflüssig lange zu schwafeln. Außerdem gibt’s keinen Grund, den Netz- und Serviceinhabern und deren Sicherheitsfirmen mehr mitzuteilen als unbedingt nötig. Von wegen freies Netz. Auf die Werbesprüche fällt keiner rein. Keiner auf den es ankommt, mein ich.

In meinem Fall haben gerade die NCMTS (Night City Mobile Telecommunication Services) mitgehört bzw. aufgezeichnet. Und damit letztlich Arasaka. Ist aber soja. Die haben anderes um die Ohren als meine Telekommunikation abzuhören. Und bei dem Auflaufen an Scandaten in deren Netz bleibt auch deren KI wenig Gelegenheit, mehr als sagen wir 3% des Traffics zu scannen (falls deren KI überhaupt noch on sind. Hat einiges an Netzattentaten und Rechnerausfällen im Konzernkrieg gegeben, und Arasakas Hauptanlage ist mitsamt der Zwillingstürme im Business Center Geschichte).

Ich schlabber den Rest der Pampe runter, bremse rechtzeitig vor dem letzten Schlampf (wo sich die gesamte Würze sammelt, dass man brechen könnte), stehe auf, werf mir ne Magentablette und einen Vitaminbooster ein und fädele mich ins Gehsteigvolk ein.

Die NCU – die Universität von Night City – ist nur 6 Blocks die Straße runter, aber ich will kein Risiko eingehen. Keine Lust angepöbelt oder erschossen zu werden, weil mein Duster marginal besser ausschaut als der Rest der Klamotten in dieser Gegend. Früher, da hätte mein Face und mein Posing jedem Idioten klargemacht, dass ich ein Pro bin, mit dem nicht zu scherzen ist. Der Scheißkrieg aber hat genug Wummen und Ammo auf die Straße gespühlt, und Drogentorps machen auch aus Feiglingen verwegene Gunslinger. Wenn man Pech hat. Und Glück? Wer kann sich denn das schon leisten.

Ich wähle eine Datatermnummer auf meinem Cell und habe Glück, ein nahestehendes DT zu erreichen, das funzt und mit einem Taxi-Hookup ausgestattet ist. Ich bin kaum am DT angekommen, da hält das Robotaxi an. Ich schmeiße einen 5er Chip ins Türschloss, um Eintritt zu bekommen, setz mich, sag mein Ziel und kabele mein Cell an. Die Fahrt wird über meine Cellrechnung abgewickelt. Nicht sehr anonym, aber wen juckt’s wo ich hinfahre und mein Chipgeld brauch ich noch fürs Prison, die Kneipe, in der ich verabredet bin.

Die Fahrt nutze ich, um den Dreck von meinen Smartkontakten zu sprühen. Probeweise nehme ich meine Crusher, sehe den Kontaktbalken in meinem Gesichtsfeld aufflirren, registriere das Fadenkreuz auf der Rückseite des scheißehässlichen, verblasst-pinkfarbenen Plastikkopfes des Fahrerdummys, auf den irgendjemand mit Filzer ein Halloween-Gesicht gemalt hat. 12 Schuss hab ich noch wie ich sehe – mehr als genug für ein paar aufgehypte Studenten und deren Monomesser, selbst wenn irgendein Spinner ne Pumpgun in einem leeren Computerkoffer haben sollte. Wie letztes Mal. Wixhead.

Durch die von Säure und Siff trüben Taxischeiben kann ich kaum etwas erkennen. Was gut ist, da so auch kaum einer mich erkennen kann. Nur das charakteristische Flackern einer Werbewand verrät mir, dass ich noch zwo Blocks entfernt vom Ziel bin. Aus einem Bauchgefühl heraus stelle ich eine meiner Granaten auf Funkzündung.

Man weiß nie. Und Night City ist ein krasses Pflaster.

Immer gewesen. Aber heute offiziell.

5 thoughts on “CP2025 | Defragmentierung

  1. ascaso sagt:

    ho ho, grossartig!
    und auf was lässt das nun hoffen?

  2. ascaso sagt:

    aber aber karsten, etwas contenance, der man ist in bälde vereiratet … :]

  3. Kathe sagt:

    Der kurze Text bringt sehr schön die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen „Sprawl in Shadowrun-Welt“ und „Night City Cyberpunk2020“ rüber.

  4. […] geschrieben als der oben verlinkte Artikel ist natürlich die Ministory DEFRAGMENTIERUNG und der Introtext zum ersten Abenteuer, […]

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